Unser erstes ernstes Gespräch

Ich hab heute zum ersten Mal überhaupt „ein Gespräch“ mit meiner Tochter geführt. Ha, das liest sich komisch. Wird aber hoffentlich im Laufe des Textes deutlicher:

Wir haben in der Früh, mal wieder, gestritten. Sie, als der Morgenmuffel schlecht hin und ich, die nach schon wieder zu wenig Schlaf pünktlich in der Arbeit sein wollte. Alles ging los mit: „Was magst du heute anziehen?“ – ihre Reaktion darauf war so absurd für mich… sie hat geschrien als hätte ich sie geschlagen. Und das vor meinem ersten Kaffee. Natürlich haben der Mann und ich unser Bestes gegeben um das bindungsorientiert zu lösen, WARUM sie allerdings SO „antworten“ musste, ist uns ein absolutes Rätsel.

Da waren wir alle noch nicht mal 10min wach und ich hatte schon das erste Mal das Bedürfnis nach Schnaps. (Natürlich nicht ernsthaft, ich trinke keinen Schnaps. Nie. Aber im übertragenen Sinn kommt das hin.)

Diese Situationen kommen bei uns gerade immer wieder mal vor. Statt einer normalen Antwort, die ja gern negativ ausfallen darf, wird geschrien. Und ich bin ehrlich: ich find das scheiße. Ja, wahrscheinlich gibt es irgendeinen guten Grund, warum ihr Gehirn gerade soundso reagiert und sie nicht anders kann… oder auch nicht und sie ist einfach nur schlecht gelaunt… oderoder.

Tatsache ist aber: ich will das nicht. Ich will nicht für eine nette Frage von mir angeschrien werden. Von niemandem.

Und genau diese Art von Gespräch hatten wir diesen Morgen – zum ersten Mal. Es war bei uns bis dato schlicht nicht nötig, weil es nie so weit gekommen war, dass ich es nicht hätte aushalten können… Meine eigene ganz persönliche Grenze, die sich von deiner deutlich unterscheiden kann, war einfach noch nie erreicht. Bis heute.

Währenddessen dachte ich die ganze Zeit: sie ist noch nicht mal vier, versteht sie mich überhaupt, verlang ich zu viel, ist doch bestimmt nur eine Phase…

Aber!

Und dieses mein Aber war mir heute so wichtig, dass ich es mit meiner Tochter besprechen wollte.

Ob es war ändern wird… ist letztlich nicht so wichtig. Wichtig war mir, dass ich meine Grenze kommuniziert habe.

Für mich ist nämlich genau dieser Punkt allentscheidend in unserem Zusammenleben: Du kannst tun und lassen, was du willst – solange du die Grenzen der anderen wahrst.

Alles andere ist ein Lernprozess, bei ihr und bei mir.

Wie hat dieses „ernste Gespräch“ zwischen meiner Tochter und mir ausgesehen?

Unser Gespräch hat komplett unabhängig von ihrem Wutanfall stattgefunden – während es ihr nicht gut geht, begleite ich sie. Ohne Ausnahme. In diesem Moment sind meine Gefühle egal, ich bin schon groß und kann (muss) das aushalten.

Erst als wieder alles gut war und wir auch schon wieder anderes miteinander machen konnten, habe ich das Thema aufgebracht: „Kann ich kurz mit dir über etwas für mich wichtiges sprechen?“

Oh, da hat sie große Ohren und Augen bekommen.

So eine Einleitung gab es noch nie. Wir haben uns zusammen hingesetzt, ich habe ihre Hände gehalten.

Und dann habe ich ihr ruhig und sanft erklärt, dass es für mich sehr anstrengend ist, wenn sie so schreit. Es ist mir zu laut. Ich kann sie nicht verstehen. Ich will ihr helfen, aber komme nicht durch zu ihr. Ich wünsche mir, dass sie spricht statt schreit. Ein „Nein“ ist vollkommen ok! Es geht mir nicht darum, dass sie macht was ich will. Ich möchte nur, dass sie mit mir redet.

„Kannst du das versuchen? Es ist ok, wenn es nicht immer klappt. Dein Papa und ich sind für dich da. Alles wird gut.“

„JA!“

Es war mir sehr wichtig, dass das Gespräch wertschätzend und von mir in Ich-Botschaften geführt wird. Ich habe nicht geschimpft!! Ich habe meine Stimme nicht erhoben. Ich habe kein Verhalten ihrerseits als „falsch“ betitelt.

Ich bin bei mir und meinen Wünschen geblieben.

Und es ist wirklich ok, wenn es (erstmal noch) nicht so klappen will. Ich weiß, dass meine Tochter, so wie jeder andere Mensch auf der Welt, kooperieren will, um zu ihrem sozialen Gefüge (hier unsere Familie) dazuzugehören.

Sie will es versuchen – und nur das zählt.